Fachdokumente Online der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg

zur LUBW   zum Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft  

BVerwG, 21.12.1998, 7 B 211/98

TitelBVerwG, 21.12.1998, 7 B 211/98 
OrientierungssatzVerantwortlichkeit für Kontamination auf Fernstraßenparkplatz 
NormBBodSchG § 2 Abs. 3; BBodSchG § 3 Abs. 1; BBodSchG § 4; BBodSchG § 10 Abs. 1; BBodSchG § 24 Abs. 1; KrW-/AbfG § 3 Abs. 6; KrW-/AbfG § 11; AbfG § 3 
LeitsatzZur ordnungsrechtlichen Verantwortlichkeit der Bundesrepublik Deutschland für die Sanierung kontaminierten Erdreichs auf dem Parkplatz einer Bundesfernstraße.
GerichtBVerwG 
Entscheidungsdatum21.12.1998 
Aktenzeichen7 B 211/98 

Zum Sachverhalt:

Die klagende Gemeinde, deren Amtsvorsteher örtliche Ordnungsbehörde ist, verlangt von der beklagten Bundesrepublik Deutschland Ersatz derjenigen Kosten, die ihr für die Auskofferung und Entsorgung von verseuchtem Erdreich entstanden sind. Auf einem im Gemeindegebiet liegenden Parkplatz einer Bundesfernstraße hatten unbekannt gebliebene Täter im Jahr 1993 gesundheits- und umweltgefährdende Chemikalien in den Boden abgelassen. Die von der Klägerin veranlaßte Beseitigung und Entsorgung des kontaminierten Erdreichs verursachte Kosten von rund 500 000 DM. Auf die von der Klägerin erhobene Leistungsklage verurteilte das VG die Beklagte als nach dem allgemeinen Landesordnungsrecht zustandsverantwortliche Grundstückseigentümerin dem Grunde nach zur Erstattung der entstandenen Kosten. Die Berufung blieb erfolglos, ebenso die Beschwerde der Beklagten gegen die Nichtzulassung der Revision in dem Berufungsurteil.

Gründe

Die von der Beschwerde aufgeworfenen, als grundsätzlich bedeutsam bezeichneten vier Fragen sind vor dem Hintergrund der Rechtsauffassung der Bekl. zu sehen, die Beseitigung der durch die Verseuchung des Erdreichs eingetretenen Störung habe nicht auf der Grundlage des allgemeinen (Landes-)Ordnungsrechts, sondern des Abfallrechts erfolgen müssen, weil es sich bei den nur kurzfristig in den Erdboden eingedrungenen Chemikalien um als Abfall zu qualifizierende bewegliche Sachen i.S. von § 1 Abs. 1 Satz 1 AbfG gehandelt habe. Eine abfallrechtliche Verantwortlichkeit treffe die Beklagte daher mangels Abfallbesitzes nicht. Diese Rechtsauffassung beruht anscheinend auf der hinter der ersten Frage der Beschwerde stehenden Überlegung, das ?imunmittelbaren zeitlichen Zusammenhang? mit dem Ablassen der Flüssigkeit ausgekofferte Erdreich sei - abfallrechtlich betrachtet - gewissermaßen an die Stelle der Flüssigkeit getreten, an der die Beklagte jedoch nie Besitz erlangt habe; daraus scheint die Beschwerde offenbar den Schluß zu ziehen, die Bekl. sei auch in bezug auf das verunreinigte Erdreich niemals Abfallbesitzer geworden. Mit dieser schwer nachvollziehbaren Surrogatvorstellung soll offenbar der Umstand überspielt werden, daß Abfall gem. § 1 Abs. 1 AbfG nur eine bewegliche Sache sein kann, das verunreinigte, noch nicht ausgekofferte Erdreich aber eine solche nicht ist und demgemäß auch nicht nach seiner, wenn auch sofort erfolgten Auskofferung gewissermaßen an die Stelle der abgelassenen Flüssigkeit tritt, deren Abfalleigenschaft also ?fortsetzt?. Dementsprechend ist auch die weitere von der Beschwerde offenbar gezogene Schlußfolgerung, die Bekl. sei mangels Sachherrschaft und daher mangels Abfallbesitz an dem ausgekofferten Erdreich von jeder abfallrechtlichen Verantwortung befreit, schon vom Ansatz her bedenklich. Abgesehen davon ist es zudem äußerst zweifelhaft, ob die Rechtsprechung zur fehlenden tatsächlichen Sachherrschaftüber Abfälle auf Grundstücken, die der Allgemeinheit rechtlich und tatsächlich frei zugänglich sind (vgl. zuletzt BVerwG, Buchholz 451.22 § 3 AbfG Nr. 2 = NJW 1998, 1004 = NVwZ 1998, 520 = DVBl 1998, 336 m. w. Nachw.) auf den hier gegebenen Sachverhalt eines zu einer Bundesfernstraße gehörenden Parkplatzes übertragbar ist. Die genannte Rechtsprechung will solchen Fallgestaltungen Rechnung tragen, in denen die Rechtsordnung im öffentlichen Interesse dem Eigentümer die freie Zugänglichkeit eines Grundstücks auferlegt, so daß es nach den grundlegenden Wertungen des Abfallrechts unangemessen wäre, den Eigentümer mit den aus dem Abfallbesitz verbundenen Pflichten zu belasten. Damit ist der in Rede stehende Fall, in dem ein Träger öffentlicher Verwaltung gezielt ein Grundstück dem allgemeinen Straßenverkehr widmet, nur schwer vergleichbar. Hier liegt statt dessen die Annahme nahe, daß das Eigentum oder der Besitz des Verwaltungsträgers an dem im Gemeingebrauch stehenden Grundstück nach der maßgebenden Verkehrsauffassung einen Herrschaftsbereich vermittelt, der zugleich auch die tatsächliche Gewalt über die darauf befindlichen Gegenstände und damit auch den Besitz an dort lagernden Abfällen begründet.

Dieser Frage braucht aber ebensowenig wie der weiteren Frage nachgegangen zu werden, ob im Falle von Bundesfernstraßen die Bundesrepublik Deutschland oder das in Auftragsverwaltung gem. Art. 90 Abs. 2 GG handelnde Land Abfallbesitzer würde. Denn eine Zulassung der Revision kommt schon deshalb nicht in Betracht, weil das Beschwerdevorbringen Fragen betrifft, die sich nach dem künftig geltenden Bundesrecht nicht mehr stellen werden. Das am 1.3.1999 in Kraft tretende Gesetz zum Schutz vor schädlichen Bodenveränderungen und zur Sanierung von Altlasten (BBodSchG) vom 17.3.1998 (BGBl I, 502) regelt nunmehr bundeseinheitlich die in Fällen wie dem vorliegenden auftauchenden Fragen der ordnungsrechtlichen Verantwortlichkeit für Bodenverunreinigungen, so daß es insoweit keines Rückgriffs mehr auf das allgemeine Landesordnungsrecht oder das Abfallrecht bedarf. Mithin bezieht sich das Vorbringen der Beschwerde auf auslaufendes Recht, dessen Klärung regelmäßig keine die Revisionszulassung rechtfertigende grundsätzliche Bedeutung i.S. von § 132 Abs. 2 Nr. 1 VwGO hat (st. Rspr. vgl. z.B. BVerwG, Buchholz 310 § 132 VwGO Nr. 297 m. w. Nachw.).

Die hier in Rede stehende Verunreinigung des Erdreichs mit schadstoffhaltigen Chemikalien ist eine schädliche Bodenveränderung i.S. von § 2 Abs. 3 BBodSchG. Deren Sanierung hat nach Maßgabe des Bundes-Bodenschutzgesetzes zu erfolgen. Denn weder das Bundesfernstraßengesetz noch andere für Bundesfernstraßen maßgebende verkehrswegerechtliche oder verkehrsrechtliche Vorschriften (vgl. § 3 Abs. 1 Nr. 8 BBodSchG), noch sonstige in § 3 Abs. 1 BBodSchG aufgeführte Rechtsvorschriften regeln in einer das Bundes-Bodenschutzgesetz verdrängenden Weise ?Einwirkungen auf den Boden?. Verantwortlich für die Sanierung einer schädlichen Bodenveränderung ist neben dem Verursacher und dem Inhaber der tatsächlichen Gewalt über ein Grundstück auch der Grundstückseigentümer (§ 4 Abs. 2, 3 BBodSchG). Das Bundes-Bodenschutzgesetz kennt also ebenso wie das vom VG zugrunde gelegte Landesordnungsrecht eine Zustandsverantwortlichkeit des Eigentümers, die sich auch auf die Tragung der Kosten erstreckt (vgl. § 24 Abs. 1 Satz 1 i.V. mit § 10 Abs. 1 BBodSchG). Vor diesem Hintergrund werden sich die im Berufungsurteil angestellten und von der Beschwerde aufgegriffenen Fragen nach dem Verhältnis und der Abgrenzung von landesordnungsrechtlicher und abfallrechtlicher Verantwortlichkeit nicht mehr stellen.

Soweit die Beschwerde mit ihrer vierten Frage geklärt wissen möchte, ob in einem Fall wie dem vorliegenden die Inanspruchnahme einer öffentlichrechtlichen Körperschaft wie der Bundesrepublik Deutschland als zustandsverantwortlicher Eigentümerin wegen der damit verbundenen finanziellen Belastungen gegen das verfassungsrechtliche Übermaßverbot (Art. 20 Abs. 3 GG) verstößt, ist das Vorbringen nur schwer nachzuvollziehen. Denn es läuft auf den Rechtsstandpunkt hinaus, daß die Kosten - mangels greifbaren Verursachers - letztlich von der für die Gefahrenabwehr zuständigen (allgemeinen oder besonderen) Ordnungsbehörde bzw. deren Rechtsträger und damit von einer anderen öffentlichrechtlichen Körperschaft aufzubringen wären, die aber dem störenden Grundstück ferner als die öffentlichrechtliche Körperschaft steht, der das Grundstück gehört. Weshalb ein solches Ergebnis sachgerecht sein soll, bleibt unerfindlich.

Eine andere, hier nicht zu entscheidende Frage ist es freilich, ob die zuständige Behörde für den Fall, daß das in Auftragsverwaltung gem. Art. 90 Abs. 2 GG handelnde Land künftig als Inhaber der tatsächlichen Gewalt i.S. von § 4 Abs. 2, 3 BBodSchG über derartige Grundstücke anzusehen und damit ebenfalls Sanierungsverantwortlicher sein sollte, im Rahmen ihres in § 10 Abs. 1 BBodSchG eingeräumten Auswahlermessens vorrangig das Land heranzieht und inwieweit Ausgleichsansprüche zwischen Bund und Land gem. § 24 Abs. 2 BBodSchG geltend gemacht werden können.

 

Enthalten in Fachsystemen:


Seitenanfang Seite drucken

Fachdokumente Online